
DiabAss die DiabetikerSoftware
Nach Australien mit Diabetes im Gepäck
Immer wieder hört man aus den verschiedensten Quellen, daß Reisen in Länder wie Australien für Diabetiker problematisch ist.
Da dieses nicht so ist, möchte ich zum besseren Verständnis über eine Reise an die Unterseite der Welt in 1996 berichten.
Ich selbst bin Typ2b Diabetiker und führe ICT durch, also Intensivierte Insulintherapie.
Vor der Reise wurde ich durch, man kann schon bald sagen, Horrorgeschichten wegen der Aufbewahrung des Insulins verunsichert. Nun habe ich es aber selbst erfahren und kann nur jedem Diabetiker raten:
"Habt keine Angst vor Reisen in heiße Länder!!
Insulin-Aufbewahrung im Flugzeug:
Das wichtigste bei einer Flugreise ist, daß man grundsätzlich 2 komplette Insulin-Garnituren dabei hat, das heißt, also alles doppelt, einschl. Spritzen, Insuline etc.! Eine Garnitur kommt in den abzugebenden Koffer, die andere behält man im Handgepäck bei sich. Damit erreicht man, daß zumindest bei Verlust des Koffers oder umgekehrt des Handgepäcks, bei Ankunft noch eine komplette Garnitur vorhanden ist. Diese Vorsichtsmaßnahme sollte man bei jeder Flugreise beachten. Was machst Du sonst, wenn Du mutterseelen allein in Sydney morgens um 6.00 Uhr ankommst, hundemüde vom 22 Stundenflug, die Jetlag-Umstellung zu wirken anfängt und Dein Insulin mit Gepäck weg ist? Oder wie es mir auf einem anderen Überseeflug ging, daß nämlich mein Gepäck statt in Los Angeles irgendwo in New York war! Dann kann es ganz schön brenzlig mit unserem lieben süßen Diabetes werden!!!
Der Flug, die Zeit:
Die Uhr läßt man am besten bei der gewohnten MEZ, bei Landung wird dann auf örtliche Zeit umgestellt.
Warum bei MEZ-Deutschland-Zeit- beim Flug bleiben?
Der Abflug aus Deutschland ist meist abends, man fliegt in der Nacht los. Schlafen geht nicht immer, auch leichte Unruhe, es ist alles anders und weitere Faktoren wie das lange und meist unbequeme Sitzen tragen dazu bei, daß man bei Landung doch abgeschlagen ist. Das kommt natürlich auch auf das Lebensalter des Reisenden an. In jungen Jahren verdaut man es bestimmt leichter als Ältere. Das ist nun mal biologisch bedingt. Weiterhin kommt der gesamte Organismus mit der Zeitverschiebung -Jetlag- kaum zurecht, sodaß auch von dieser Sicht aus die Beibehaltung der Deutschland-Zeit zunächst leichter ist.
Essen:
Schon bei Reisebuchung habe ich meinen Diabetes angegeben, mit der Bitte um Diabetiker-Verpflegung im Flieger. Das kostet nichts mehr und ist heute bei vielen Fluglinien gang und gäbe.
Ein großer Vorteil ist, daß man vor den übrigen Passagieren sein Essen extra bekommt. Es ist schon angenehm, wenn man vor dem Essen in Ruhe messen und spritzen kann. In der Unruhe beim allgemeinen Essen und der Enge am Sitz hat man doch wenig Platz für das Essen, komplettes Messbesteck und den Spritzen/Pens. Wenn aber das Diabetikeressen früher kam, konnte ich mich bei meinem Nachbarn reichlich ausbreiten, was nachher nicht mehr möglich gewesen wäre.
Was dann kommt, ist allerdings wirklich Diätessen, immer hat es mir nicht geschmeckt und ich habe mir bei meiner Ehefrau manchmal Normalessen "ausgeliehen", auch schon, um den Geschmack nicht zu verlieren. Du meinst, mit ICT bräuchte man kein besonderes Essen, da ja immer zu jeder Mahlzeit berechnet wird? Das stimmt, nur auf den langen Überseeflügen gibt es meistens Englisches Essen.
Wisst ihr wie süß das ist? Ich finde es oft grauenvoll !!!
Ansonsten habe ich fast immer alle 3 Stunden gegessen, immer mit ziemlich genauer Berechnung der Einheiten -BE/KE- und bin damit gut gefahren. Deshalb noch einmal: Die Uhrzeit von Deutschland bis zur Landung so lassen, erst bei Landung auf örtliche Zeit umstellen! Allerdings hatte ich mir extra eine Uhr mit 2 verschiedenen Zeiten gekauft, neugierig war ich doch!!
Trinken:
Ein ganz wichtiger Punkt ist die Regelung der Flüssigkeitszufuhr!! Gerade bei langen Flügen. In unserem Fall ging es in Frankfurt abends los, Zwischenlandung in Singapur und nach ca. 22 Stunden Landung in Sydney. Dabei wird unbedingt mehr als gewöhnlich Flüssigkeit vom Körper verlangt. Ich habe während des Fluges ca. 7 Liter(!) Wasser getrunken, das ich mir vorher in Frankfurt kaufte. Es gibt zwar im Flieger auch zu trinken, aber die eigentlich benötigte Mehrmenge bekommt man so ohne weiteres nicht.
Alkohol sollte nur in kleinen Mengen oder besser gar nicht getrunken werden. Mein Diabetologe hat mir die Zusammenhänge prima erklärt, darüber kann mal ein neuer Bericht geschrieben werden. Also, wie gesagt: Trinken, trinken und nochmals trinken!
Diabetiker die auch an Fuß- und Nervenschäden leiden, sollten versuchen, oft im Gang zu laufen. Nachts geht das am besten, da viele schlafen und die Gänge frei sind. Dadurch vermeidet man geschwollene Beine. Ihr wisst wie unangenehm das ist.
Ankunft und Zoll:
Zur vollständigen Diabetiker-Ausrüstung gehören unbedingt der Diabetikerpass, eine schriftliche Erklärung des Diabetologen wegen mitgeführter Diabetes- Ausrüstung, möglichst in englischer und französischer Sprache und eine sauber aufgestellte Liste der mitgeführten Artikel und Gegenstände. Denn bei einer Zollkontrolle könnte es nun mal passieren, daß einer der Zöllner mißtrauisch
wird und intensiv nachfragt. Dann helfen die vorgenannten Dinge
außerordentlich!
Zu bedenken ist auch, daß es sehr streng verboten ist, Lebensmittel nach Australien einzuführen!! Da sind die Zöllner sehr kleinlich. Vor der Zollkontrolle stehen große Schilder mit den Hinweisen auf die verbotenen Artikel und dazu gleich die Behälter. Dahinein kommen dann die verbotenen Lebensmittel. Allerdings hatte ich aus Unkenntnis originalverpacktes, eingeschweißtes Diätbrot mitgenommen. Dieses Brot hat der Zoll bei der Kontrolle gesehen und ich durfte es mitnehmen. Bei Mitreisenden sah ich allerdings, daß sie alle unverpackten Lebensmittel wegwerfen mußten!
Scheinbar sind sich nicht alle Zöllner mit dieser Regelung einig.
Ich habe dann allerdings vor Ort schnell erfahren müssen, daß es auch im kleinsten Laden fast alles gibt. Und auf fast allen Lebensmitteln sind die wichtigen Daten aufgedruckt, anders als in Deutschland, wo diese Angaben meist nur bei Diabetiker-Produkten angegeben sind. Das ist auch so eine unverständliche Sache: warum werden in Australien, USA etc. die Eiweiße, Fette, KH etc. angegeben und bei uns nicht? Es wäre für die Industrie doch ein leichtes, diese Angaben zu machen. Aber nein, wir sollen ja die überteuerten Diätsachen kaufen.
Nun, wir ICTler brauchen in Wirklichkeit diese Produkte nicht, ich selbst kaufe nur eine bestimmte Schokolade davon, sonst nichts!
Im Hotel:
Alle Hotels und Ressorts in Australien haben Kühlschränke im Zimmer. Dort kann problemlos das Insulin, wie Zuhause gewöhnt, aufbewahrt werden. Da gibt es keine Probleme.
Unterwegs im Bus:
Die großen, modernen Reisebusse sind immer klimatisiert und haben auch Kühlschränke an Bord. Zumindest bei meinen Bussen war es so, darin habe ich das Insulin aufbewahrt. Sollte das nicht möglich sein, muß man eben sich die -in großer Auswahl angebotenen- Kühltaschen mit zusätzlichen Kühlakkus kaufen. Und die erste Station bei Flugreisen sind immer größere Städte.
Im Outback wird man aus Europa kommend schon nicht landen.
Diese Kühltaschen, schön klein und gut tragbar, werden dann über Nacht im Hotel/Ressort gut vorgekühlt. Damit wird dann ein ganzer Tag in der üblichen Hitze Australiens das Insulin gut gekühlt.
Da bei Busreisen jeder Fahrtag im Hotel/Ressort endet, sind bei Berücksichtigung der Kühldauer auch keine Probleme zu erwarten.
Unterwegs im Mietauto:
Auch hier gilt es wie bei Busreisen, immer schön vorkühlen. Da sämtliche Autos vollklimatisiert sind, fällt es nicht besonders schwer, das Insulin gut zu kühlen.
Bei Wanderungen, Besichtigungen:
Jetzt wird es schon etwas problematisch, denn die Hitze, gerade im Outback -das Landesinnere- kann unglaublich ansteigen. Es ist oft sehr staubig, heiß und die Sonne knallt unbarmherzig auf uns kleine Menschen ein. Wenn man dann noch bedenkt, daß auf einmal an der Straße ein Schild steht: Achtung, die nächsten 500 Kilometer kein Benzin, Wasser etc., dann überkommt einen doch schon so ein mulmiges Gefühl! Australien ist so groß, wer es nicht selbst durchfahren hat, macht sich keine rechten Vorstellungen davon. Und bis auf einige Farmen und kleinere Orte gibt es nichts mehr im Inneren, man ist dort schon alleine!
Das Insulin, ja wie halten wir die Hitze fern? Ich hatte mir noch in Deutschland eine ganz kleine Kühltasche mit kleinem Kühlakku gekauft, gerade für Basal und Bolus-Pens und Reserveröhrchen-Insuline. So klein wie meine Brieftasche, ist bei der Größe nicht aufgefallen und ist leicht zu tragen.
Damit habe ich ca. 15 Stunden die Insuline gut kühlen können, natürlich war es mal zu Ende. Aber das Insulin kann ja auch bis 25 Grad aushalten, ganz so empfindlich ist es nicht. Und allzulange hält man es sowieso selbst ohne Kühlung nicht aus. Jeder ist bestrebt, möglichst oft Schatten wahrzunehmen, was aber nicht immer geht. Also gilt es, den Körper und das Insulin gleicherweise vor Überhitzung zu schützen. Nur wer sich gern "braten" läßt, der wird auch Schwierigkeiten mit seinem Insulin bekommen.
Ärztliche Versorgung:
Man kann nur staunen, wie super die Versorgung und das Wissen der Mediziner in Australien ist. Leider mußte ich einmal mit einer starken Erkältung zum Arzt, da staunte ich nicht schlecht. In einem kleinen Dorf, wirklich abseits und nur ein paar Häuser, fand ich einen Arzt, der meine ICT mit Basis-Bolus gut kannte! Das konnte ich erst nicht begreifen, bis ich dann erfuhr, das ICT in Australien sehr bekannt ist und die meisten Diabetiker diese Art der Behandlung durchführen. Die Ärzte sind nett und freundlich, einer kam in kurzen Hosen und fragte gleich: Na, Jürgen, wo drückt es denn? Dieses unkomplizierte Verhalten fehlt uns doch sehr!! Habt ihr euren Doktor schon mal ohne das Standessymbol "Weißkittel" gesehen, bestimmt nicht!
Und auch wenn man sich im Landesinneren -Outback- befindet, Hilfe geht dort oft über die fliegenden Ärzte. Das ist nicht nur im Film so, sondern echte Wahrheit! Wir haben uns in Palm Springs das Zentrum der fliegenden Ärzte angesehen, man glaubt es nicht, was dort für Entfernungen überbrückt werden.
Oftmals wird auch Hilfe über Funk durchgegeben, so geht es bei leichteren Fällen auch.
Freundlichkeit:
Überhaupt muß ich jetzt mal die Freundlichkeit der Australier hervorheben. Bei meiner Fahrt mit dem Mietauto die ganze Ostküste entlang -ca. 3.000 Kilometer!!- zeigte niemand einen Vogel, kein Stinkefinger, kein Meckern, kein Rasen, man glaubt es nicht!
Obwohl das Mietauto nicht als Mietauto und ich nicht als Europäer zu erkennen war! Durch den ungewohnten Linksverkehr stand ich 2x an Ausfahrten falsch zum Verkehr, sofort hat alles angehalten und mit unglaublicher Höflichkeit und Winken wurde ich zum richtigen Einfädeln gebracht.
Stellt euch das mal in Deutschland vor.
Was ich hier berichtete galt für eine geführte Gruppenreise.
Die Erfahrungen gelten aber auch für Einzelreisende.
Für naturnahe Erlebnisreisen könnten meine Erfahrungen evtl. nicht gültig sein.
Wer aber schon immer von Australien geträumt hat soll sich durch unseren ständigen Beleiter mit abhalten lassen. Man muß nur gut vorbereitet in das Abenteuer starten, damit´s ein Erlebnis und kein Alptraum wird.
J. P.
(c) Dieser Text ist durch das Urheberrecht geschützt